Il Postino

Hinrich Kuhls kls at unidui.uni-duisburg.de
Sun May 12 10:00:40 MDT 1996


At 03:45 10.05.1996 EDT, "Chris, London" <100423.2040 at compuserve.com> wrote:

>Caught up yesterday with Il Postino. With so much happening on the
>l'st I thought I would just mention this, as from time to time we
>have discussed films, plays and books. ...
>
>I would be interested in other takes on it.

Yes, it is a fine, poetical film with partly subtil, partly evident
political connotations.

Ex-fellow list member Wolfgang Haible wrote a criticism, which has been
published by the monthly journal Sozialismus in its March 96 issue. As it is
a brief piece I attach it in the original version.

It is a pity that comrades like Wolfgang, who is not only competent to deal
with cultural affairs but is involved in socialist day-to-day politics, have
recently unsubbed.

Hinrich

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(c) Sozialismus

Wolfgang Haible

Der Postmann (Il Postino), Italien 1994, R. Michael Radford, Nach einer
Erzaehlung von Antonio Skarmeta.

Pablo Neruda, der grosse chilenische Dichter, erhielt nach heftigen
Protesten gegen die versuchte Abschiebung durch die italienische Regierung
auf der italienischen Insel Capri anfangs der 50er Jahre Exil. Auf diese
arme Insel, deren Bewohner vom Fischfang leben, in ein auf einer Anhoehe
einsam aber idyllischen gelegenes Haeuschen zieht Neruda (Philippe Noiret)
mit seiner Freundin. Und da er der erste ist, der dort Post emfaengt, wird
eigens fuer ihn ein Brieftraeger angestellt. Das ist die Chance fuer Mario
(Massimo Troisi), der arbeitslos ist, weil er zum Fischer nicht taugt. So
wird er vom kommunistischen Brieftraeger als Hilfsbrieftraeger eingestellt,
um Neruda die Post zu bringen.

Anfangs erstreckt sich Marios Interesse mehr auf den Frauenhelden Neruda, so
wie er damals in einer Wochenschau halb spoettisch abgefertigt wurde.
(Poesie und Dichtung sind eben fuer die Frauen, denken sich die
Journalisten, die den harten Maenner gefallen wollen.) Seine Hilfe benoetigt
er, und bekommt sie auch, um die von ihm erwaehlte Schoene zu erobern.

Der Film ist aber mehr als diese Liebesgeschichte; er schildert die
Begegnung dieses Dichters des Volkes mit einem Kind des Volkes. Kaum der
Schrift maechtig, beginnt sich Mario fuer die Dichtung zu interessieren,
Neruda fuehrt in dazu in wichtige Begriffe (Metapher) und in die Geheimnisse
seiner poetischen Produktion ein. Es stoert uns nicht, im Gegenteil, es gibt
der Dichtung einen konkreten, positiven Sinn, wenn Mario sie auf seine
Geliebte bezieht, und um ein Gedicht, das ihren Namen anruft, bittet. Mario
entwickelt sich im Laufe des Films zum Kommunisten, ohne dass wir Zeuge der
politischen Debatten im engeren Sinne werden. Wir verstehen aber, aus
welchen Erfahrungen, aus welch muehseligem und doch auch wieder frohen,
hoffnungsstarken Leben diese kommunistische  UEberzeugung entsteht.

Schliesslich erhaelt Neruda die Erlaubnis, nach Chile zurueckzukehren.
Damit endet sein Exil. Die Bewohner der Insel, die Mitglieder der durch
Neruda gestifteten Familie und Freunde hoffen darauf, dass der grosse
Dichter sie und d.h. vor allem Mario nicht vergisst. Aber zu lange kommt
keine Nachricht. Freilich erkennen wir in der Art wie Mario Neruda vor den
Anwuerfen seiner Schwiegermutter verteidigt, dass dieser grosse Dichter sie
laengst vergessen haette, dass sich Mario aus seinem Schatten geloest hat.
Sein Verstaendnis fuer Neruda ist mehr als eine Abwehr der Enttaeuschung; er
hat gelernt, dass es etwas bedeutet, sich auszudruecken. Und so benutzt er,
das von Neruda zurueckgelassen Tonband und die Radioanlage, um seine Poesie,
die der Insel festzuhalten und in die Welt zu senden: das verschiedenartige
Rauschen des Windes in den Bueschen und in den Klippen, Das Laeuten der
Glocken, die Stille und das Toben des Meeres.

Wir sehen einen politischen Film, dessen Thema die anregende Beziehung eines
Intellektuellen mit einem sogenannten einfachen Menschen des Volkes ist, und
dessen Faehigkeiten nur geweckt zu werden brauchen, damit ein neuer Mensch
entsteht. Wir sehen einen wunderschoenen, stillen und poetischen Film, wie
er uns selten im Kino zu Gesicht kommt. Und vielleicht ist der Film auch
eine Anregung, wie ein Genosse mir schrieb, die Gedichte Nerudas fuer den
naechsten Urlaub auf die Seite zu legen.

,Ich will in einer Welt ohne Exkommunizierte Leben. Ich werde niemanden
exkommunizieren. Ich werde morgen auch nicht zu dem Priester sagen: `Sie
koennen niemanden taufen, weil sie Antikommunist sind.' Ich wuerde auch
nicht zu dem Naechsten sagen: `Ich werde Ihr Gedicht, Ihre Schoepfung nicht
drucken, weil Sie Antikommunist sind.' Ich will in einer Welt leben, in der
die Menschen nur menschlich sind, ohne jeden anderen Titel als diesen, ohne
sich eine Regel in den Kopf zu setzen, ein Stichwort, ein Etikett. Ich will,
dass man alle Kirchen betreten darf, alle Druckereien. Ich will, dass man
niemanden mehr vor dem Buergermeisteramt auflauert, um ihn festzunehmen oder
auszuweisen. Ich will nicht,  dass einer per Gondel fliehen muss, dass einer
auf dem Motorrad verfolgt wird. Ich will, dass die grosse Mehrheit, die
einzige Mehrheit, dass alle reden koennen, lesen, hoeren, gedeihen. Ich habe
den Kampf nie anders verstanden, als dass er ende. Ich habe die Strenge nie
anders verstanden, als dass es keine Strenge mehr gebe. Ich habe einen Weg
gewaehlt, weil ich glaube, dass dieser Weg uns alle zu dauernder
Freundlichkeit fuehrt. Ich kaempfe fuer diese allgegenwaertige,
ausgreifende, unerschoepfliche Guete..." Pablo Neruda: Ich bekenne, ich habe
gelebt. Memoiren,  Darmstadt und Neuwied 1977, S. 236.



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